KW 32 - Fake It Til You Make It Endboss
Moin,
diese Ausgabe handelt von Lebensläufen. Von einem, den eine 800 Jahre alte Elite-Uni offenbar nie geprüft hat. Von denen, die ihr für 380 Euro Wohnkostenpauschale in dreifacher Ausfertigung nachweisen müsst. Und von dreien, die gerade eine Milliarde Dollar wert geworden sind.
Am 5. August ist Jason Arday als Professor für Bildungssoziologie in Cambridge zurückgetreten – wenige Stunden, nachdem die Universität eine Untersuchung zu seinen akademischen Qualifikationen und Ehrenämtern eingeleitet hatte. In der Rücktrittserklärung, verbreitet über die Kampagnenorganisation Good Law Project, geht er auf keinen Vorwurf inhaltlich ein. Er schreibt, die unaufhörlichen Anschuldigungen und öffentlichen Debatten hätten ihn und seine Angehörigen schwer belastet, und der Schritt sei weder als Zweifel an der Wissenschaft noch als Zustimmung zu den Erzählungen über seine Person zu verstehen.
Arday war 2023 mit 37 Jahren berufen worden, als jüngster schwarzer Professor in der Geschichte Cambridges. Die Universität hat die Berufung damals selbst als Erfolgsgeschichte inszeniert: Der Vizekanzler für Bildung nannte ihn einen außergewöhnlichen Wissenschaftler, und im Vordergrund stand die Biografie – mit drei Jahren eine Autismus-Diagnose, bis elf kein gesprochenes Wort, bis ins späte Jugendalter Analphabet. In einer aufwendig bebilderten Mitteilung der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät hieß es außerdem, Arday habe sich mit 27 während der Promotion Ziele an die Schlafzimmerwand seines Elternhauses geschrieben, darunter: „Eines Tages werde ich in Oxford oder Cambridge arbeiten." Diese Pressemitteilung ist inzwischen gelöscht.
Ins Rollen gebracht hat die Sache im Juli Nathan Cofnas, zuvor Philosophie-Forscher in Cambridge, der die Universität verlassen hatte, nachdem seine Kritik an Diversity-Programmen heftige Proteste ausgelöst hatte. Am 24. Juli legte die „Times" eine Analyse der Dissertation von 2015 vor, mit zahlreichen Passagen, die laut Zeitung identisch oder nahezu identisch mit einer früheren Arbeit eines anderen Forschers sind. Britische Medien nahmen sich parallel die außerakademische Seite vor: 30 Marathons in 35 Tagen, 600 Meilen in sechs Tagen, 5,5 Millionen Pfund für wohltätige Zwecke. Arday sagte dem „Guardian", die Summe sei über zwanzig Jahre und mit Hilfe anderer zusammengekommen; Geheimhaltungsvereinbarungen hinderten ihn daran, Namen zu nennen. Dazu kommen mehrere Gastprofessuren im Lebenslauf – unter anderem Glasgow, Ohio State und Durham –, von denen die genannten Hochschulen nichts wissen wollen.
Bemerkenswert ist, wie lange Cambridge dagegengehalten hat. Noch im Juni sprach die Universität von einer widerwärtigen Kampagne gegen seine Glaubwürdigkeit und verwies darauf, dass die Liverpool John Moores University die Plagiatsvorwürfe bereits geprüft und nicht bestätigt habe – auf dieses Ergebnis beruft sich Arday bis heute. Aktiv wurde Cambridge erst, als laut „Times" neue Belege auftauchten, wonach Teile seiner Forschung frei erfunden seien. Auch die Verteidigung war organisiert: In einem früheren Schreiben hatten über zwei Dutzend Akademiker und Politiker die Plagiatsvorwürfe als Verleumdungskampagne bezeichnet, die darauf ziele, Arday und andere schwarze Menschen in einflussreichen Positionen zu diskreditieren.
Ob die Untersuchung nach dem Rücktritt weiterläuft, hat Cambridge offengelassen; ein separates Verfahren wegen wissenschaftlichen Fehlverhaltens läuft weiter, und der Doktortitel von 2015 ist davon bisher nicht berührt.
Von Lebensläufen, die niemand prüft, zu Nachweisen, die alle prüfen: Das Statistische Bundesamt hat neue BAföG-Zahlen vorgelegt, und die sind ein Negativrekord. 570.000 Menschen haben 2025 BAföG bekommen, sieben Prozent weniger als im Vorjahr und so wenige wie zuletzt im Jahr 2000. Zum Vergleich: 2012 waren es 979.300. Darunter sind 443.100 Studierende und 126.900 Schülerinnen und Schüler, 60 Prozent aller Geförderten sind Frauen.
Wer gefördert wird, bekommt im Schnitt etwas mehr: 682 Euro im Monat für Studierende, 25 Euro mehr als im Vorjahr. Der Bund hat trotzdem vier Prozent weniger ausgegeben, nämlich 3,0 Milliarden Euro. Sparen durch Schrumpfen des Berechtigtenkreises, sozusagen.
Warum der Kreis schrumpft, ist kein Geheimnis: zu niedrige Freibeträge und Pauschalen bei gleichzeitig hohen Mieten, dazu ein Antragsverfahren, das viele von vornherein abschreckt. Das Deutsche Studierendenwerk rechnet vor, dass die Wohnkostenpauschale von 380 Euro einem durchschnittlichen WG-Zimmer für 512 Euro gegenübersteht. Und laut einer weiteren Destatis-Erhebung geben Studierende, die nicht bei den Eltern wohnen, im Schnitt mehr als die Hälfte ihres Haushaltseinkommens fürs Wohnen aus.
Wie es weitergeht, hatten wir in KW 31: Die Erhöhung kommt erst zum Sommersemester 2027, das Grundsicherungsniveau erst 2029. Bis dahin darf man die sinkenden Empfängerzahlen weiter als Haushaltserfolg verbuchen.
Zum Schluss etwas Erfreuliches, und zwar aus München. Die TUM meldet mit HappyRobot ihr 23. Unicorn – die jüngste Finanzierungsrunde bewertet das Unternehmen mit 1,2 Milliarden Dollar. Gebaut wird an KI-Agenten, die Firmen lästige Prozesse abnehmen: telefonieren, Mails schreiben, Dokumente bearbeiten, Webseiten durchsuchen. Nach eigenen Angaben über 150 Unternehmenskunden.
Pablo Palafox und Luis Paarup haben sich als Studenten an der TUM kennengelernt, dritter Gründer ist Pablos Bruder Javier. 2022 gab es ein EXIST-Gründungsstipendium, danach den TUM Incubator, die Venture Labs und die UnternehmerTUM.
Cheers,