KW 24 - Sicherheit gesucht, Land in Sicht?

KW 24 - Sicherheit gesucht, Land in Sicht?
Théodore Géricault – „Das Floß der Medusa” (1818/19), Louvre

Moin,

diese Woche im Newsletter: Eine neue EY-Studie zeigt, wie düster wir Studierende mittlerweile auf den Berufseinstieg blicken, ein Millionenprojekt will eure Resilienz aufpäppeln - und zum Schluss zeigt eine neue Studie, unter welchen Bedingungen angehende Lehrkräfte schon vor dem Abschluss ganze Klassen schmeißen.

Fangen wir mit einem Gefühl an, das hier schon öfter Thema war: der Angst, nach dem Studium ohne Job dazustehen. Die neue Studierendenstudie von EY liefert dazu jetzt die Zahlen. Nur noch vier von zehn Befragten (39 Prozent) glauben, nach dem Abschluss schnell einen passenden Job zu finden. Vor zwei Jahren waren es noch 54 Prozent - das ist ein Absturz um 15 Prozentpunkte. Am zuversichtlichsten sind noch die angehenden Mediziner:innen (50 Prozent) und Jurist:innen (49 Prozent), während es in den Naturwissenschaften mit 29 Prozent richtig mau aussieht.
Spannender finde ich aber, was sich bei den Prioritäten verschoben hat: Für 52 Prozent ist ein sicherer Arbeitsplatz inzwischen das wichtigste Kriterium bei der Arbeitgeberwahl - neun Punkte vor dem Gehalt (43 Prozent). 2024 war das noch andersrum. Sicherheit ist quasi das neue Gehalt. Und obwohl das erhoffte Einstiegsgehalt auf dem Papier auf 44.800 Euro steigt, ist das inflationsbereinigt weniger, als Studierende vor zehn Jahren erwartet haben. Dazu rechnen nur magere 13 Prozent damit, dass sich die Wirtschaftslage im nächsten Jahr verbessert. Die Studie könnt ihr euch bei EY kostenlos bestellen.


Wo die Hoffnung ausbleibt, soll es jetzt zumindest mentale Unterstützung geben. Passend zur EY-Erkenntnis, dass uns die Dauerkrisen aufs Gemüt schlagen, haben drei Hochschulen Geld für genau dieses Problem eingesammelt. Im Rahmen der Förderlinie „Die Welt ist mein Campus” gehört das Verbundprojekt „Resilient@Campus” zu den 29 bundesweit ausgewählten Vorhaben.

Die Hochschule Hannover entwickelt dabei gemeinsam mit der FH Münster und der HNE Eberswalde Konzepte, um Studierende widerstandsfähiger gegen gesellschaftliche Krisen zu machen - über die klassische Beratung hinaus. Gefördert wird das Ganze mit 2,55 Millionen Euro, von Juli 2026 bis Juni 2030. Ein gutes Zeichen, dass das Thema endlich ernst genommen wird. Ob ein Resilienz-Projekt die strukturelle Unsicherheit aus Teil eins und zwei dieses Newsletters wettmacht, ist allerdings eine andere Frage.


Zum Schluss noch eine Studie, die diese Woche gezeigt hat, wie früh man im Lehramt ins kalte Wasser geworfen wird. Der Stifterverband hat erstmals bundesweit Lehramtsstudierende befragt, die als Vertretungslehrkräfte den Lehrkräftemangel abfedern - und die Zahlen haben es in sich. 95 Prozent stehen allein vor der Klasse, 40 Prozent haben noch nicht mal den Bachelor, manche unterrichten schon im ersten Studienjahr. Mehr als ein Drittel wird dabei komplett alleingelassen, weder von der Schule noch von der Hochschule begleitet.

Besonders absurd: Über 90 Prozent unterrichten mindestens ein Fach, das sie gar nicht studieren. In Deutsch studieren nur 57 Prozent der Vertretungslehrkräfte tatsächlich das Fach, in Mathe sind es magere 41 Prozent. Dass die Kultusministerkonferenz schon 2023 empfohlen hatte, so etwas frühestens ab dem Master und nie fachfremd zu machen, scheint vielerorts niemanden zu jucken.

Und trotzdem - hier kommt der Lichtblick - bewertet die Mehrheit der Befragten ihre Praxiserfahrung als positiv und sagt, dass gerade dieser Einsatz sie motiviert, das Studium auch wirklich zu Ende zu bringen. Wer also gerade selbst als Werkstudent:in oder Aushilfe ins kalte Wasser geworfen wird und sich fragt, ob das alles so seine Richtigkeit hat: Oft ist es genau dieses Ins-kalte-Wasser-Springen, das am Ende hängen bleibt.
Cheers und bis nächste Woche!