KW 25 - Täglich Napoli, selten Mathe
Moin,
diese Woche im Newsletter: Frankfurter Studierende kämpfen mit kommunistischen Plakaten gegen Nudeln mit Tomatensoße, eine britische Studie lässt uns fragen ob ein Studium überhaupt noch was wert ist – und der Stifterverband erklärt, warum Mathe und Maschinenbau gerade so viele Studierende verlieren.
Fangen wir mit dem wichtigsten Thema der Woche an: Spaghetti Napoli. Seit Beginn eines vierwöchigen Pilotversuchs serviert die Cafeteria der Goethe-Uni Frankfurt in Bockenheim täglich Spaghetti Napoli als einziges veganes Gericht. Kostenpunkt: 1,80 Euro. Die Alternative? Gyros oder Geflügelbällchen für 4,30 bis 4,90 Euro.
An sich klingt das nach einem vernünftigen Angebot - billiges veganes Essen für knappe Studierendenbudgets. Das Problem: Es gibt buchstäblich jeden Tag dasselbe. Wer fleischlos essen will und keine Lust auf Nudeln mit Tomatensoße hat, steht vor der Wahl zwischen Pommes, Salat oder einem belegten Brötchen. Das Studierendenwerk MainSWerk begründet das mit begrenzten Produktions- und Personalkapazitäten.
Die Reaktion fiel entsprechend aus. Bereits nach der ersten Woche hängten Studierende großformatige Plakate im Stil kommunistischer Propaganda auf und riefen zum "Kampf gegen die Einseitigkeit" auf - unter dem Schlagwort "Spaghetti-Diktatur". Eine E-Mail-Kampagne an das Studierendenwerk lief ebenfalls an. Der Protest hat damit mehr kreative Energie als manches Seminar.
Es steckt aber etwas Symptomatisches drin: Wenn selbst eine gut gemeinte Maßnahme zur Kostensenkung am Ende als Bevormundung wahrgenommen wird, sagt das einiges darüber aus, wie viel Spielraum Studierende gerade noch haben.
Damit zum größeren Bild. Die FAZ hat diese Woche einen Bericht des britischen Thinktanks Policy Exchange aufgegriffen, der eine Debatte losgetreten hat, die sich auch für uns lohnt. Die Kernzahl: Mehr als jede:r zehnte Absolvent:in in Großbritannien verdient fünf Jahre nach dem Abschluss weniger als den gesetzlichen Mindestlohn von 12,71 Pfund - also rund 14,70 Euro pro Stunde. In 15 von 34 Fächergruppen - darunter Soziologie, Kunst und Medien - ist es sogar jede:r vierte.
30 Prozent der britischen Absolvent:innen haben nach fünf Jahren keinen Job gefunden, für den ein Hochschulabschluss überhaupt nötig wäre. Und 30 Prozent der Studiengänge bieten keine positive ökonomische Rendite - bei Schulden von mindestens 50.000 Pfund als Ausgangslage. Die Russell Group, der Zusammenschluss der forschungsstarken Eliteunis, kommentierte das Ganze ungewöhnlich selbstkritisch:
Das System hat Schwachstellen, durch die manche junge Menschen im Stich gelassen werden.
Der Kontext: Tony Blair wollte 1999, dass 50 Prozent eines jeden Jahrgangs eine Uni besuchen - dieses Ziel ist längst überschritten, hat aber auch Massenuniversitäten mit sinkenden Standards entstehen lassen. An manchen Hochschulen haben mehr als die Hälfte der Studienanfänger:innen formal keine Hochschulreife. In einer aktuellen Umfrage sagen jetzt 34 Prozent der Briten, ein Studium sei "nicht die Zeit und das Geld wert" - vor zwanzig Jahren waren das noch 14 Prozent. Die Skepsis ist also gesellschaftlich angekommen. Wer die Zahlen der EY-Studie aus KW 24 noch im Kopf hat, weiß: Das Gefühl kennen wir auch - auch ohne britische Studiengebühren.
Zum Abschluss noch die MINT-Lage, frisch aufbereitet vom Stifterverband in ihrer neuen Studie zu MINT-Studierenden 2026. Die gute Nachricht: Informatik legt zu - sowohl bei den Studienanfänger:innen (+16 Prozent seit 2018) als auch in der Gesamtzahl (+17,7 Prozent). Auch die Ingenieurwissenschaften erholen sich nach einem Tief leicht. Die schlechte: Mathematik hat im gleichen Zeitraum ein Viertel seiner Erstsemester verloren (-24 Prozent), Maschinenbau knapp ebenso viel (-24,9 Prozent), Physik und Chemie verlieren ebenfalls zweistellig.
Was die Zahlen noch interessanter macht: Ein Fünftel aller MINT-Studierenden sind mittlerweile internationale Studierende - in Nicht-MINT-Fächern sind es nur zehn Prozent. Ohne diesen Zuwachs würde das Bild noch deutlich dünner aussehen, denn die Zahl deutscher Studierender in den Ingenieurwissenschaften ist seit 2018 um zwölf Prozent gesunken. Auf der Nachfrageseite sieht es dagegen so aus: In 75 Prozent der akademischen Ingenieurberufe gibt es bereits Anzeichen für einen Fachkräfteengpass oder einen handfesten Engpass. In der Informatik sind es 50 Prozent.
Ob der Informatik-Boom dabei anhält, ist allerdings alles andere als sicher. Mit zunehmender KI-Nutzung in der Entwicklung könnte der Bedarf an klassischen Entwickler-Stellen mittelfristig abflachen - und wer heute sein Studium beginnt, arbeitet 2029 in einem Markt, den wir heute noch nicht kennen. Vielleicht lohnt sich neben dem Code-Schreiben also auch das Nachdenken darüber, was danach noch gefragt ist.
Cheers und verdampft bei den aktuellen Temperaturen nicht!