KW 27 – Promoviert... und dann?

KW 27 – Promoviert... und dann?

Moin,

diese Woche im Newsletter: Promovierte Chemiker:innen finden schwerer einen Job, ein Uni-Rektor bringt Gebühren für internationale Studierende ins Gespräch, Osnabrücker Studierende besetzen ein Schloss, Niedersachsen öffnet einen neuen Weg ins Lehramt – und zum Schluss gibt es gute Nachrichten für alle, die sonntags lernen wollen.


Fangen wir mit einer Zahl an, die aufhorchen lässt. Laut der aktuellen Statistik der Chemiestudiengänge 2025 der Gesellschaft Deutscher Chemiker hat sich der Berufseinstieg für promovierte Chemiker:innen 2025 spürbar eingetrübt. Die GDCh erhebt diese Statistik übrigens seit 1952, in diesem Jahr auf Basis von 695 Promovierten. Nur noch rund 33 Prozent von ihnen starteten direkt in der chemischen und pharmazeutischen Industrie. 2024 waren es noch 42 Prozent. Gleichzeitig stieg der Anteil der Stellensuchenden zum Erhebungszeitpunkt von 7 auf 10,4 Prozent. Anders gesagt: Jede:r Zehnte stand bei der Befragung noch ohne Stelle da.

Bemerkenswert ist das vor allem, weil die Promotion in der Chemie lange als sicheres Ticket in die Industrie galt. Genau diese Sicherheit bröckelt gerade – passend zu den schwächelnden Konjunkturaussichten in der chemischen und pharmazeutischen Branche und zu dem, was die EY-Studie in KW 24 über die schwindende Zuversicht beim Berufseinstieg gezeigt hat.

Zur Einordnung: Ein Drama ist das noch nicht. Die allermeisten promovierten Chemiker:innen finden weiterhin eine Stelle, viele davon in gut bezahlten Positionen, und ein Teil der Stellensuchenden hatte zum Befragungszeitpunkt schlicht noch keinen Vertrag unterschrieben. Aber der Trend zeigt in eine Richtung, und für alle, die gerade mitten in Studium oder Promotion stecken, steckt darin eine nüchterne Botschaft: Fachliche Exzellenz allein trägt nicht mehr automatisch. Flexibilität, Netzwerke und ein realistischer Blick auf die eigene Branche werden wichtiger – auch mit Doktorhut.


Vom schwierigen Ausstieg zur Frage, wer überhaupt fürs Studium zahlt. Der Rektor der Uni Magdeburg, Jens Strackeljan, hat sich diese Woche offen für eine Debatte über kostenpflichtige Angebote für internationale Studierende gezeigt. Der Kontext: An seiner Uni sind rund 5.500 von 13.000 Studierenden international, Studiengänge wie Electrical Engineering bestehen fast ausschließlich aus ihnen.

Strackeljans Argument: Deutschland sei mit dem Verzicht auf Studiengebühren für Nicht-EU-Studierende international fast allein, und die Programme, die Internationale fit für den Arbeitsmarkt machen, seien eine Millionenaufgabe. Geringfügige Gebühren könnten helfen, diese Angebote zu finanzieren. Generelle Studiengebühren lehnt er dagegen klar ab. Dass die Debatte nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt wieder aufkommt, hält er für ziemlich sicher.


Um Grundsätzliches an der Hochschule geht es auch in Osnabrück, dort allerdings deutlich lauter. Am 2. Juli haben Studierende und Aktivist:innen gegen 8 Uhr die zweite Etage des Schlosses der Universität Osnabrück besetzt. Der Anlass ist eine geplante Änderung des Niedersächsischen Hochschulgesetzes (NHG). Künftig sollen nicht mehr Gerichte, sondern die Uni-Präsidien darüber entscheiden, ob eine Straftat eine Exmatrikulation nach sich zieht. Der Gewaltbegriff im Entwurf ist dabei unscharf und dehnbar, sodass potenziell jede Form studentischen Protests mit Zwangsexmatrikulation geahndet werden könnte (inklusive einer Sperre für eine Wiedereinschreibung an allen niedersächsischen Hochschulen von bis zu zwei Jahren). Zusätzlich soll die autonome Finanzverwaltung der AStAs eingeschränkt und die militärische Forschung gestärkt werden.

Pikant: Ausgerechnet SPD und Grüne bringen den Entwurf auf den Weg. Die Besetzenden weisen darauf hin, dass ihre Aktionsform nach der Reform vermutlich gar nicht mehr möglich wäre. Ihr Slogan:

Hochschulen müssen politische Orte bleiben!

Bleiben wir in Niedersachsen – diesmal aber deutlich weniger dramatisch. Zum 1. Juli ist dort die Neufassung der Verordnung über Masterabschlüsse für Lehrämter in Kraft getreten. Sie soll den Zugang zum Lehramt flexibler machen und öffnet unter anderem einen Quereinstiegs-Master für Bachelorabsolvent:innen, die ursprünglich ohne Lehramtsoption studiert haben. Angesichts des Lehrkräftemangels ist das eine sinnvolle Öffnung – flexibler Zugang ist aber das eine, eine solide Ausbildung das andere.


Zum Schluss die gute Nachricht der Woche. Der Koalitionsausschuss von Union und SPD hat am Donnerstag beschlossen, dass öffentliche Bibliotheken ab dem 1. Januar 2027 sonntags mit Personal öffnen dürfen. Bislang war das außer in Nordrhein-Westfalen fast überall verboten.

Der Deutsche Bibliotheksverband begrüßt den Beschluss, fordert aber eine einheitliche und klare Regelung – und kritisiert, dass der Referentenentwurf für Bibliotheken ausgerechnet eine Beschränkung auf sechs Stunden vorsieht, während Museen, Sport- und Vergnügungseinrichtungen längst uneingeschränkt sonntags öffnen dürfen. Für alle, deren produktivste Lernzeit ausgerechnet sonntags liegt, ist das trotzdem eine erfreuliche Aussicht – vorausgesetzt, die Bibliothek vor Ort hat Personal und Budget.

Cheers und bis nächste Woche!